Zölibat

Enthaltsamkeit aus religiösen Gründen am Beispiel der römisch-katholischen Kirche

Der Begriff Zölibat meint: Menschen wollen oder müssen enthaltsam leben und verzichten auf eine Ehe, um Priester werden zu können. Bezogen auf die römisch-katholische Kirche gilt dies für Männer, die als Kleriker arbeiten wollen und damit dem Papst unterstehen. In den nicht-römisch-katholischen Kirchen, deren Leitung nicht beim Papst liegt, können Priester auch verheiratet sein. Außerdem gibt es neben der römisch-katholischen Kirche auch andere religiöse Kontexte, in denen das Gelübde der Ehelosigkeit, Enthaltsamkeit und Keuschheit vorgesehen ist, wie z.B. bei Nonnen und Mönchen.

Bei der Entstehung christlicher Gemeinden im 1. Jahrhundert war das Ideal der Ehelosigkeit nicht vorgegeben. Es entstand erst im Laufe der westeuropäischen Kirchengeschichte. So finden sich im Neuen Testament Berichte über verheiratete Priester und Bischöfe. Die ersten Christen waren jedoch eingebettet in kulturelle Bezüge, die Sexualität und Körpersekrete als „unrein“ einordneten. Wer sich durch Sex verunreinigt hatte, durfte keine kultischen Handlungen mehr ausführen. In vielen Religionsgemeinschaften schloss dies auch Frauen von kultischen Handlungen aus, weil sie als „sexuell“ und damit unrein eingeordnet wurden. Erst im Mittelalter verfestigte sich die Macht des Papstes so weit, dass der Zölibat als Regelung vereinheitlicht wurde. Im Jahr 1022 ordnete Papst Benedikt VIII. gemeinsam mit Kaiser Heinrich II. an, dass Geistliche künftig nicht mehr heiraten durften. Von nun an konnten also verheiratete Männer keine Priester werden. Wer Priester werden wollte, musste umgekehrt Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit geloben. Verheiratete Priester protestierten in der Kirchengeschichte immer wieder gegen den Zölibat.

Die Mehrheit der Priester im Mittelalter lebte auf dem Land und musste ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften. Dafür brauchten sie die Arbeit einer Frau und ihrer Kinder. Priester mit Familie wurden in den mittelalterlichen Gemeinden als Selbstverständlichkeit angesehen. Die Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit umzusetzen, war eigentlich nur im Kloster oder in höheren Kirchenfunktionen möglich. Aber auch wer als Kleriker enthaltsam hätte sein sollen, war dies oft nicht. Von großer Bedeutung war die Ehelosigkeit der Priester für die Vergrößerung des Kirchenbesitzes. Hatte der Priester keine ehelichen Kinder, konnte die Kirche ihn beerben – es gab also materielle Interessen am Zölibat. Die Widersprüche zwischen der Lebensführung der Päpste oder Bischöfe und dem Ideal der Enthaltsamkeit wurde dann zu einem der Auslöser der Reformation im 16. Jhdt. Umgekehrt vertiefte die Möglichkeit evangelischer Priester zur Ehe die Spaltung der Kirche in römisch-katholisch und evangelisch in den Ländern Westeuropas.

Papst Paul VI räumte in seiner Enzyklika (1967) ein, dass es in der „Heiligen Schrift“ keinen Beleg für die Pflicht zum Zölibat gibt. Stattdessen begründete der Papst die Ehelosigkeit damit, dass sie das Priestertum von Christus spiegele. Paul VI verstand dabei die Kirche als Leib Christi und so wie Christus seinen Leib (Körper) aufgegeben haben soll, sollen nun seine Nachfolger völlig in der Kirche aufgehen. Auch war für Paul VI die Ehelosigkeit ein Zeichen, um die Herrlichkeit des ehelosen Zusammenlebens der Auferstandenen im Himmel bereits auf der Erde sichtbar zu machen. Diese Begründungen sind allerdings für Menschen, die nicht streng-gläubige Katholik*innen sind, kaum noch nachvollziehbar. Und sie wurden und werden von vielen Katholik*innen vom Bischof bis zum Laien kritisiert. Diskutiert wird heute auch, ob die Pflicht zum Zölibat nicht eine der Ursachen für die Fälle von sexuellem Missbrauch innerhalb der römisch-katholischen Kirche ist. Sicher ist allerdings, dass die römisch-katholische Kirche mit dem Zölibat einen Baustein zur auch von anderen Kirchengründern verkündeten Leib- und Sexualfeindlichkeit beisteuerte und Frauen bis heute in diskriminierender Weise vom Priesteramt ausschließt.

 

Illustrationen: Darcy Quinn