Hetero­­sexu­alität und
Homo­­sexu­alität

Es gibt Theorien, die besagen, dass „Sexualität“ ein modernes Produkt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei. Heterosexualität wurde demnach erst durch die Benennung und Abgrenzung von Homosexualität „erfunden“. Ob wir tatsächlich von der „Erfindung der Heterosexualität“ reden können, soll an dieser Stelle genauer untersucht werden!

Der Begriff „Heterosexualität“ ist eine Wortneubildung aus dem Jahre 1868. Er lässt sich aus dem griech. Heteros (der andere, ungleich) und lat. Sexus (männliches und weibliches Geschlecht) herleiten und entstand als Gegenwort zum Begriff „Homosexualität“, welcher wiederum ebenfalls im 19. Jahrhundert entstand. Im 19. Jhd. begann die Wissenschaft – insbesondere die Medizin –, alle möglichen sexuellen Erscheinungsformen zu gruppieren, was zeitgleich eine Bewertung mit sich brachte. Das führte zu einem dramatischen Wandel über die Ansicht von Sexualität und was als „normal“ erachtet wurde: Um den gesellschaftlich vorgegebenen Regeln und Moralvorstellungen zu entsprechen, wurde Homosexualität als etwas Negatives und Krankhaftes eingeordnet. Ab 1871 wurden sexuelle Handlungen zwischen Männern sogar unter Strafe gestellt.

Doch kann deshalb von der „Erfindung der Heterosexualität“ gesprochen werden? Jein! Denn, obwohl die heterosexuelle Lebensweise die vorherrschende Norm war, so wurde sie als solche erst sichtbar, nachdem die Abweichung von dieser Norm, also die Homosexualität, benannt worden war.

Dass homosexuelle Menschen in Deutschland und anderen Ländern heute rechtlich fast gleichgestellt sind, ist auf einen Mann zurückzuführen: Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895). Der deutsche Jurist und Schriftsteller gilt für viele als „erster Schwuler der Weltgeschichte“, da er seine Homosexualität – von ihm damals „Urning“ genannt – öffentlich machte und für seine Rechte eintrat. Für Ulrichs war das gleichgeschlechtliche Begehren angeboren und er setzte sich dafür ein, dass dieses nicht strafrechtlich verfolgt werden dürfe.

Ulrichs bestand darauf, dass jeder Mensch das Recht hat, zu lieben wen er*sie möchte. Geprägt durch seine Erziehung, dem gesellschaftlichen Umfeld sowie den herrschenden Normen argumentierte er mithilfe biologischer und anatomischer Theorien und verstand gleichgeschlechtlich liebende Menschen als eigenes Geschlecht. Ulrichs erklärte, von seinem eigenen Empfinden ausgehend, dass mann-männlich begehrende Männer „eine weibliche Seele im männlichen Körper“ haben. Gleiches galt in umgekehrter Folge für Frauen.

Diese naturwissenschaftlichen Erklärungen waren jedoch nicht mit den vorherrschenden Theorien der zu dieser Zeit herrschenden weißen, männlichen Naturwissenschaftlern vereinbar. Diese waren nämlich an bestimmte Ideale geknüpft, welche erklärten, dass es nur Mann und Frau gebe, Mann und Frau sich von Natur her unterscheiden würden und der Mann der Frau überlegen sei. Diese Überlegenheit gäbe dem Mann auch das Recht über die Frau zu herrschen. Bei diesen patriarchalen Vorannahmen gibt es “natürlicherweise” keinen Platz für Dritte und Vierte Geschlechter. Durch die festen Rollenbilder galten männliche Homosexuelle als zu wenig Mann und weibliche Homosexuelle als zu wenig Frau.

Illustrationen: Darcy Quinn