Matri­lineare Gesell­schaften

Als Matriarchat werden Gesellschaften bezeichnet, welche von Frauen bestimmend geschaffen und geprägt werden. Frauen bekleiden dann in allen sozialen, ökonomischen und religiös-rituellen Bereichen die zentralen Funktionen.

Ob es in der Geschichte tatsächlich rein matriarchale Gesellschaften gegeben hat, ist in der Wissenschaft umstritten. Es gibt allerdings heute noch „matrilineare Gesellschaften“. Hierbei handelt es sich um Gesellschaften, in denen die Abstammungsfolge über die Mutter bestimmt wird und nicht über den Vater, wie in westlichen Gesellschaften. Besitz, Titel und Würden werden also meist in weiblicher Linie vererbt. Die Rolle der Vaterschaft ist anders als in europäischen Gesellschaften entsprechend von geringer Bedeutung. Wichtiges Merkmal matrilinearer Gesellschaften ist auch, dass die Familien oft in einem großen Netzwerk aus Verwandten unter einem Dach leben.

Zu diesen matrilinearen Gesellschaften zählen heute zum Beispiel die Mosuo, eine ethnische Gruppe in Südwest-China. Die Mosuo leben in Großfamilien mit einer Anführerin. Das Eigentum der Familie wird über die Frauen weitergegeben. Unter den männlichen Verwandten haben die Brüder der Mütter den höchsten Rang. Diese Onkel leben mit ihren Müttern und Schwestern in einer Familie und übernehmen die „väterlichen“ Aufgaben für ihre Neffen und Nichten. Die biologischen Väter bleiben ihrerseits in den Familien ihrer Mütter und Schwestern und übernehmen dort die gleichen Aufgaben. Die Großfamilien leben in einem Haus und schlafen in der Regel in Gemeinschaftsräumen. Nur die erwachsenen Frauen haben Einzelzimmer, in denen sie Besuch von Männern erhalten. Dabei gelten Frauen bereits ab 14 Jahren als erwachsen. Frauen können entscheiden, ob sie einen Mann empfangen wollen oder nicht. Lange Zeit hatten Mosuos mehrere Partner gleichzeitig, mit denen sie Sex hatten. Inzwischen setzt sich das Modell von längeren Partnerschaften zwischen einem Mann und einer Frau durch. Dennoch müssen die Männer bei gemeinsamen Kindern keinerlei Verpflichtungen eingehen. Ihre Fürsorge gilt primär den Neffen und Nichten im eigenen Haushalt. Daher spricht man bei den Mosuo von Besuchs- oder Wanderehen.

Das Leben der Mosuo ist heute starken Veränderungen unterworfen. Neue Medien und steigender Tourismus am Lugu-See beeinflussen das traditionelle Wirtschaften und Konsumverhalten der Mosuo. Gleichzeitig gewinnen Männer mehr Einfluss. Auch lehnen sich immer mehr Frauen dagegen auf, dass sie, wenn sie zur nächsten Anführerin gewählt wurden, sehr viel Verantwortung übernehmen müssen und nicht weiter zur Schule gehen dürfen.

Neben den Mosuo sind die Minangkabau eine weitere ethnische Gruppe mit matrilinearer Lebensweise. Etwa drei Millionen Menschen zählen zu den Minangkabau, die vorwiegend auf der Insel Sumatra leben. Sie sind wie die Mehrheit der Bevölkerung in Indonesien sunnitische Muslime. Im Gegensatz zu vielen anderen muslimischen Gemeinschaften beten Männer und Frauen zusammen. Bei einer Heirat zieht der Mann zu der Familie seiner Frau und in der Erbfolge kommen die Töchter zuerst. Ähnlich sieht es auch bei den Khasi in Indien und Bangladesch aus. Die Khasi bilden mit etwa 1,5 Millionen eine eigenständige ethnische Gruppe, in der Männer zwar zur Großfamilie gehören, aber nicht erbberechtigt sind. Bei einer Heirat ziehen Männer in den Haushalt der Frau ein. Bei der Erziehung der Kinder übernehmen wie bei den Mosuo vorwiegend die Brüder und männliche Verwandten der Frau die soziale Vaterrolle.

Weltweit gibt es noch viele weitere matrilineare Gesellschaften, wie etwa in Libyen, Mali, Algerien, Burkina Faso, Tansania, Kenia, Venezuela und Papua-Neuguinea. Wenn Du mehr zum Alltag in einer matrilinearen Gesellschaft erfahren möchtest, ist hier eine vertiefende Dokumentation:

Illustrationen: Darcy Quinn