sexualität in indien

Vom Kamasutra zur Verdrängung der Sexualität aus der indischen Öffentlichkeit

Vor etwa 1.800 Jahren wurde in Indien das Handbuch der Erotik und Liebe geschrieben – das Kamasutra. In der indischen Gesellschaft heute ist Sexualität dagegen stark tabuisiert. In den Schulen gibt es keine sexuelle Aufklärung und auch zu Hause wird über Sex so gut wie nicht gesprochen. Sex-Szenen aus Hollywood Filmen werden herausgeschnitten. Doch wie ist es zu diesem Wandel gekommen? Ein Blick in die koloniale Vergangenheit Indiens gibt Antworten. Um ihre Herrschaft in Indien im 19. Jhdt. zu rechtfertigen, stuften die britischen Eroberer sexuelle Freizügigkeit als obszön ein und predigten Keuschheit. Vor der Kolonialzeit war die Diversität von Geschlecht und Erotik fest in das Leben der Menschen eingebunden. Die Vorstellung von Homo- und Heterosexualität existierte nicht. Erst mit der Einführung westlicher Vorstellungen und Gesetze wurden diese binären Geschlechterkonzepte definiert. Geschlechteridentitäten, die davon abwichen, wurden als Folge dessen abgelehnt und kriminalisiert.

Nach der Unabhängigkeit übernahmen nationalistische Bewegungen diese Ideen und etablierten sie als Bestandteil indischer Sitten. Als Folge dominiert gesellschaftlich bis heute eine sehr konservative Moral. Sexualität vor der Ehe ist streng verboten. Allerdings ist dieses Verbot für Frauen strenger als für Männer. Diese moralische Erwartung zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten.

In einigen Teilen des großen Landes, vor allem in den Städten, lässt sich aber ein langsamer Wandel beobachten. Besonders junge Menschen der gebildeten Mittel- und Oberschicht gehen mit Sexualität freier um. Das wird zum Beispiel durch den Online-Dating-Boom in Indien sichtbar (In diesem Podcast erfährst du mehr über Online-Dating in Indien am Beispiel der Dating-App Tinder).

Homosexualität in Indien

Der aus der britischen Kolonialzeit (1860) stammende Paragraf 377 des indischen Strafgesetzbuches bestraft jegliche Sexualität, die nicht der Fortpflanzung dient, also jede Sexualpraktik außer der vaginalen Penetration einer Frau durch einen Mann. Dabei wurden konsensuale, im privaten Raum stattfindende gleichgeschlechtliche Aktivitäten sowie heterosexueller Analverkehr neben Pädophilie und Zoophilie unter der Kategorie Sodomie zusammengefasst, wie es auch in Europa im 19. Jahrhundert üblich war. Dieses Gesetz schürte Ablehnung in einem Land, das zuvor eine lange Tradition der sexuellen Toleranz hat. Im Jahr 2009 wurde der Paragraf 377 von einem Gericht in Neu-Delhi als verfassungswidrig eingestuft. Doch im Dezember 2013 ruderten die Obersten Richter zurück und stellten homosexuelle Handlungen erneut unter Strafe. Als Folge dessen nahmen Übergriffe auf Angehörige der LSBTIQ* Gemeinschaft zu. Aktivist*innen haben gegen das Urteil erfolgreich Berufung eingelegt. Am 6. September 2018 wurde das Gesetz zur Kriminalisierung von Homosexualität durch das Oberste Gericht Indiens aufgehoben. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist aber weiterhin verboten. Trotz der Entkriminalisierung fehlt es in weiten Teilen der Gesellschaft an Akzeptanz und Alltagsdiskriminierungen sind nach wie vor an der Tagesordnung.

Eine kurze Dokumentation über das Leben queerer Menschen in Indien aus dem Jahr 2017 findest du hier:

Hindunatio­nalistische Bewegungen

Hindunationalistische Bewegungen basieren auf dem Prinzip des Hindutva. Hindutva bezeichnet ein politisches Konzept, das die Ausrichtung Indiens nach hinduistischen Regeln anstrebt. Ziel der Hindutva-Bewegung ist die Erschaffung einer einzigen Hindu-Nation. Damit ist sie eine Gegenbewegung zum säkularen Staatsmodell, das bei der Unabhängigkeit Indiens nach westlichem Vorbild als Lösung für die religiösen Konflikte im Land gesehen wurde und das heute in der Verfassung verankert ist. Kritiker*innen dieser Hindutva-Bewegung beklagen eine Spaltung der Gesellschaft und die Diskriminierung von Nicht-Hindus (zum Beispiel Muslime, Christen und indigene Gruppen). Die im Jahr 1980 gegründete konservative Hindutva-Partei „Bharatiya Janata Party“ (BJP) ist allerdings zu einer der stärksten Parteien angewachsen und stellt seit 2014 zum zweiten Mal die indische Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi. Die BJP sieht offen ausgelebte (Homo)Sexualität als „Import der westlichen Welt“ und lehnt sie entsprechend ab. Ebenso lehnen sie gleichgeschlechtliche Ehen als „unnatürlich“ ab. In den Veden, den heiligen Schriften der Hindus, sind hingegen alle Formen der Sexualität erlaubt. Aus diesem Widerspruch wird deutlich, dass hindunationalistische Bewegungen eine koloniale Rhetorik weiternutzen und gleichzeitig westliche Liberalität der letzten Jahrzehnte verurteilen, anstatt sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Bestandteil der indischen Vergangenheit anzuerkennen.

Falls Du mehr zum Themenbereich Liebe und Sexualität in Indien erfahren möchtest, findest du hier eine längere Dokumentation:

Illustrationen: Darcy Quinn